Wir wollen unsere familiengeschichte bewahren

 
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Meine Großmutter wurde 1932 als Kind deutsch-jüdischer Eltern in Deutschland geboren. Als die Verhältnisse immer gespannter wurden, flohen sie nach Südamerika.

1936 ließ sich die Familie in Kolumbien nieder, änderte ihren Nachnamen, und hörte auf, die jüdische Religion zu praktizieren. Sie wünschten sich nichts dringender, als sich anzupassen und sich vor Nazideutschland sicher zu fühlen, und fügten sich daher in eine Umgebung ein, in der der Katholizismus die Norm war.

Nach dem Krieg heiratete meine Großmutter meinen Großvater, einen kolumbianischen Staatsbürger, im Jahr 1950. Kurz darauf zogen sie in die Vereinigten Staaten, wo meine Mutter zwei Jahre später geboren wurde. Da meine Großmutter großen Wert darauf legte, sich ihr deutsches Erbe zu erhalten und an ihre Kinder weiterzugeben, schickte sie ihre Kinder auf eine deutsche Schule. Zu Hause waren deutsche Sprache, Kultur, und Brauchtum Teil des täglichen Lebens. Meine Mutter und ihre Geschwister wurden halb als Kolumbianer und halb als Deutsche erzogen, obwohl sie keine deutschen Staatsbürger waren.

In den 1960er und 70er Jahren kehrten mehrere meiner entfernteren Verwandten nach Deutschland zurück um sich dort niederzulassen. Trotz allem fühlten sie sich Deutschland verbunden, und verankerten und befestigten so die Verbindung der ganzen Familie zu Deutschland.

Ich bin 1985 geboren. Mein Vater ist Kolumbianer, aber wie meine Mutter fühle ich mich zum Teil deutsch. Nach deutschem Recht bin ich das aber nicht. Und warum? Weil das deutsche Recht zwischen Männern und Frauen unterscheidet, wenn es darum geht, ob sie ihre Staatsbürgerschaft an ihre Kinder vererben, selbst dann, wenn sie ihnen gegen ihren Willen im Dritten Reich aberkannt wurde.

Dass ich nicht berechtigt war, fand ich erst heraus als ich zusammen mit meiner Familie die deutsche Staatsbürgerschaft gemäß Art. 116(2) GG beantragte. Unsere Anträge wurden im Mai 2011 abgelehnt weil 1952, als meine Mutter geboren wurde, die Staatsbürgerschaft nur durch einen deutschen Vater vererbt werden konnte, nicht aber durch eine deutsche Mutter.

Zwar wurde das Gesetz 1975 geändert, aber es wurde nicht rückwirkend geändert, so dass es mir weiterhin nicht möglich ist, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben. Artikel 116(2) besteht angeblich als Reparation für Familien wie meine, die in Nazideutschland rassistische, politische und religiöse Verfolgung erlitten haben. Er verfehlt jedoch diesen Zweck, da manche Familien weiterhin ausgeschlossen bleiben. Meine Großmutter wurde 1932 als Deutsche geboren und war gezwungen, vor dem Hass im einzigen Land das sie kannte zu fliehen. Sie begann ein neues Leben auf der anderen Seite der Welt, wobei sie ihre Religion, Sprache und Kultur aufgab, um Freiheit und Sicherheit zu erlangen. Nach deutschem Recht ist all das nicht genug. Meiner Familie ist der Zugang zu ihrem deutschen Erbe und ihrer Familienvergangenheit verwehrt, nur weil meine Großmutter einen kolumbianischen Staatsbürger geheiratet hat.

Trotz alledem habe ich mich bemüht, etwas wieder aufzubauen, das vor zwei Generationen verloren ging: meine Verbindung mit dem Judentum. Im Alter von 33 Jahren habe ich begonnen, in die Synagoge zu gehen und über einen Teil meiner Familiengeschichte zu lernen, der uns während einer der finstersten Stunden der Menschheit genommen wurde. Dennoch fehlt ein Stück – die Anerkennung meiner deutsch-jüdischen Identität.