Ich schlüpfe zwischen veralteten Gesetzen durch

 
Friedel Kastner with sister Berta and a friend, May 1938.,, about one month before emigration jpeg.jpeg
 

Meine Mutter war deutsche Jüdin, mein Vater italienischer Jude, beide mussten in den späten 30er Jahren wegen des Faschismus aus ihren Herkunftsländern fliehen. Sie haben sich in London kennengelernt und im März 1941 dort geheiratet; ich bin 1948 in London geboren.

Ich bin unter Artikel 116 (2) zur deutschen Staatsbürgerschaft nicht berechtigt, weil mein Vater kein Deutscher war, und weil ich vor 1953 ehelich geboren bin. Doch versicherte mir die deutsche Botschaft in London, dass ein Antrag gemäß §14 StAG erfolgreich sein würde da ich fließend Deutsch beherrsche und starke Bindungen zu Deutschland habe - ich habe insgesamt 14 Jahre in Deutschland gelebt und habe in Berlin eine Eigentumswohnung. Doch war das ein Irrtum; man hat übersehen, dass ich schon 1948 geboren bin, für einen solchen Antrag hätte ich aber nach 1949 geboren sein müssen.

Zur italienischen Staatsbürgerschaft bin ich ebenfalls nicht berechtigt, da mein Vater schon vor meiner Geburt Brite wurde.

Ich bin also weder des einen noch des anderen Herkunftslandes meiner Eltern zur Staatsbürgerschaft berechtigt, obwohl sie fliehen mussten um ihr Leben zu retten, obwohl meine Großmutter und meine Tante sowie viele Großtanten und Großonkeln in deutschen Vernichtungslagern umgekommen sind. Wenn ich aber hätte beweisen können, dass meine Vorfahren vor über 500 Jahren aus Spanien fliehen mussten, hätte ich die spanische Staatsbürgerschaft bekommen können. Ich bin sogar zur israelischen Staatsbürgerschaft berechtigt, weil meine Vorfahren angeblich vor über 2000 Jahren dort gelebt haben, während Andere, deren Vorfahren heute und seit Generationen dort leben, nicht dazu berechtigt sind.

Ich schätze meine britische Staatsbürgerschaft; mir ist bewusst, dass es weltweit viele Staatenlose gibt, die unendlich dankbar wären, in einem Land leben zu dürfen wo sie um ihr Leben nicht bangen müssten.

Doch diese Ausnahmen stehen nicht im Einklang mit dem Bild, das Deutschland von sich geben möchte, nämlich als Land der Wiedergutmachung, der Holocaust-Denkmäler, als Land von Aktion Sühnezeichen. Viele Mitglieder unserer Gruppe identifizieren sich stark mit ihrer deutschen Herkunft und mit der deutschen Kultur. Die meisten der britischen Mitglieder fühlen sich hauptsächlich als Europäer, die jüngeren unter uns kennen nichts anderes; aber nach Brexit werden wir unsere europäische Staatsbürgerschaft verlieren. Im Sinne von Artikel 116 (2) sollten wir sie durch den Erwerb der deutschen behalten können, aber wir sind davon ausgeschlossen. Ich hoffe sehr, dass diese Situation geändert und dass diese veralteten Gesetze beseitigt werden können, damit der Geist des Artikels 116 (2) geehrt wird. Vor allem hoffe ich, dass die aktuelle Rechtslage wegen der deutschen Liebe zur Bürokratie, nicht wegen eines Restes von Antisemitismus heute noch andauert.

Mein Beitrag zu diesem Buch beschreibt beim Antrag der deutschen Staatsbuergerschaft meine Gefuehle und Zweifel, die viele unserer Mitglieder aehnlich erleben:

"A PLACE THEY CALLED HOME: Reclaiming Citizenship. Stories of a New Jewish Return to Germany" 

Ed. Donna Swarthout. Berlinica, New York und Berlin, 2019.