Das Trennen von Familien und Geschwistern – schon wieder

 
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Familiengeschichte

Meine Mutter, Vera Solomon (geb. Apt), wurde Anfang 1939, im Alter von 13 Jahren, zur Flucht aus Deutschland nach England gezwungen.  Sie hatte seit ihrer Geburt in Berlin gelebt. Ihren Eltern, Fritz und Lisa Apt, ist es 1939 – im letzten Augenblick gerade vor Kriegsausbruch –  gelungen, ihr zu folgen. Ihr Vater musste seine Mutter in Berlin zurücklassen da sie zu schwach war um zu reisen. Das brach ihm das Herz. 

Bei der Ankunft in England wurde er interniert. Weitere Familienmitglieder flüchteten in die USA, nach Südamerika und nach Südafrika. Leider haben diejenigen, die in Deutschland blieben, den Krieg nicht überlebt.

Die Familie war seit vielen Generationen in Deutschland sesshaft. Es sind noch Dokumente und Briefe vorhanden, welche ihre Anwesenheit in Deutschland zwischen 1814 (Merkel Apt) und 1939 bezeugen.

Mein Grossvater Fritz und mein Urgrossvater Richard waren promovierte Apotheker. Die Familie besass und betrieb von 1883 bis 1939 die Brunnen Apotheke in der Badstraße in Berlin-Gesundbrunnen; diese Apotheke gibt es heute noch, s. Fotos. Folgender Text ist ein Auszug aus der Geschichte der Apotheke, welche auf deren Website publiziert wurde: 

 “Bis 1889 wechselten Haus und Laden acht Mal den Besitzer. Mit Richard Apt bekam die Apotheke 1889 einen Inhaber, der seinem Geschäft wie auch der Badstraße treu blieb. Die Familie Apt war bald aus dem Vereinsleben des Kietzes nicht mehr wegzudenken. Fritz Werner Apt, der die Brunnenapotheke von seinem Vater Richard übernommen hatte, verpachtete die Brunnen-Apotheke. Die Familie Apt blieb bis 1939 in der Badstraße. Als das generelle Verpachtungsverbot für Juden am 20. Dezember 1939 in Kraft trat, entschloß sie sich zur Emigration. Apts konnten vor der drohenden Vernichtung nach England entkommen. Das Haus in der Badstraße 11 wurde im 2. Weltkrieg total zerstört. Fritz Werner Apt bemühte sich von England aus, das zwangsverkaufte Grundstück wiederzubekommen. 1951 ging die zerbombte Parzelle an die Alteigentümer zurück. Apt sorgte dafür, daß das Grundstück schnell mit einem einstöckigen Fadengebäude bebaut wurde. Die neue Apotheke eröffnete 1952. Er selbst kam nicht nach Deutschland zurück. 1960 starb er in London. Seine Frau behielt das Grundstück bis 1986."

Obwohl meinem Großvater im ersten Weltkrieg das eiserne Kreuz verliehen wurde, wurde er 1933 wegen anti-Hitler/ anti-Mussolini-Sympathien gefangengenommen.  Zum Glück wurde er am Geburtstag von Hitler frühzeitig entlassen.  Bei seiner Ankunft in England wurde er aber im Hyton-Lager noch mal interniert.  

Freundschaft und Leben in Deutschland  

Meine Eltern und Grosseltern blieben nach dem Krieg mit ihren nicht-jüdischen Freunden in Deutschland eng befreundet, Als Kinder verbrachten wir die Ferien mit der Familie im Weingebiet an der Mosel, in der Nähe von Mulheim/Bernkastel-Kues.  Während dieser Ferien haben wir dort die Grundschule besucht. Die Freundschaften reichen bis in die folgenden Generationen hinein.  Wir drangen vollkommen in das deutsche Leben, in die Klänge, in die Gerüche und Anschauungen ein.  Wir fühlten uns vollkommen integriert, als Teil der Familie, wärmstens akzeptiert und willkommen in Deutschland. 

Mein Bruder hat in der Schule Deutsch gelernt und an der Universität Germanistik studiert, er arbeitet jetzt bei ORF in Wien.

Meine Partnerin Helen wuchs in Deutschland auf, sie hat sehr europäische Einstellungen und sie spricht fliessend Deutsch. Beruflich hat sie Kindern Englischunterricht im deutschen Fernsehen erteilt. Diese Programme gibt es heute immer noch. Jede Woche wird bei uns zu Hause Deutsch gesprochen.

Sie sehen also, dass Deutschland eine sehr grosse Rolle in meinem Erbe und in meinem Leben spielt, ich fühle mich schon als integrierter Teil der Gemeinschaft.

Brexit

Durch den Brexit kam es in Grossbritannien vermehrt zur Polarisierung von Meinungen:  Rassismus, Isolierung und Intoleranz nehmen zu, und es gibt wachsende Sorge in welche Richtung sich das Land entwickelt.  Meine Familie glaubt fest an ein vereintes Europa und an all die positiven Entwicklungen die dieses mit sich gebracht hat. Wir wissen um dessen Rolle für den Frieden, den wir seit 60 Jahren geniessen, und wir schätzen dessen Einsatz für Toleranz und Stabilität in der Gesellschaft.  Wir möchten uns weiter mit diesen Prinzipien identifizieren.

Nähere Verbindungen Fördern

Der Brexit hat ein so grosses Potential, die Beziehung zwischen unseren beiden Ländern zu schädigen, dass jede Bemühung um ein besseres gegenseitiges Verständnis nur helfen kann. 

Ich glaube eine nähere Verbindung zwischen unseren beiden Völkern ist für alle Beteiligten von Vorteil. Das kann nur erreicht werden, wenn mehr Menschen dieselbe Lebensanschauung teilen, insbesondere wenn sie die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Trotz all dem Schmerz, trotz aller Vernichtung möchten wir die deutsche Staatsbürgerschaft, wollen wir die Wunden heilen. 

Ich halte einen stärkeren Einbezug der Kinder in beiden Ländern für den sinnvollsten Weg, die Verbindungen zwischen unseren beiden Ländern längerfristig zu stärken, so, wie Helen es versucht hat, und so wie ich es in Deutschland als Kind genossen habe.

Persönliche Umstände und natürliche Gerechtigkeit 

Bis jetzt sind die Anträge für mich und für meine Kinder noch nicht abgelehnt worden.  Nach dem heutigen Gesetz wird das aber in aller Wahrscheinlichkeit wegen meines Geburtsdatums am 9. Februar 1953 – 7 Wochen vor dem Stichtag – geschehen. 

Die Unterlagen, die ich mit meinem Antrag eingereicht habe, sind mit denen meines Bruders identisch.  Andrew ist aber am 5. Juni 1955 geboren, er hat seine Einbürgerungsurkunde schon am 19.7.2018 bekommen und hat jetzt einen deutschen Pass.

Es kommt mir besonders ungerecht vor, dass innerhalb unserer Familie – bei identischen Anträgen – dem einen Bruder die Staatsbürgerschaft verliehen wird und dem anderen nicht.  Dass dies wegen einer Diskrepanz von 7 Wochen geschehen sollte, dass zwei Brüder auf dieser Weise getrennt werden, steht im Widerspruch zum Sinne des Gesetztes, sicherlich ist das nicht die Absicht von Artikel 116.

Verglichen mit anderen Familienmitgliedern sind meine Deutschkenntnisse dürftig, doch das ist die Folge meiner Wahlfächer an der Schule und der Wahl einer Karriere als Arzt im Zentrum von London, wo ich arme Menschen und Immigranten betreue. Soll mich das benachteiligen?  Unter den gegebenen Umständen wäre das wohl ungerecht.

Meine Familie wäre stolz darauf, die deutsche Staatsbürgerschaft zu haben.  Wir bitten darum, dass diejenigen auf unsere Situation aufmerksam gemacht werden, welche die Macht besitzen, das Gesetz in Einklang mit dessen ursprünglicher Absicht, mit einer natürlichen Gerechtigkeit und mit den Werten von heute zu bringen.  Davon würden wir alle profitieren.