Trennung von Familien

 
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Elaine (geb. 1949)

Meine Mutter, wurde 1927 in Schluchtern geboren; ihre Eltern waren beide gebürtige Deutsche. Zusammen mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester verließ sie Deutschland 1938 unmittelbar vor der ‚Kristallnacht‘ und reiste in die USA. Meiner Großmutter war es erst nach einem früheren und schwierigen Besuch in den USA gelungen, Affidavits von entfernten Verwandten zu bekommen. Sie ließen in Deutschland ein Haus, einen Familienbetrieb und auch den Großteil ihres Privateigentums zurück. In Amerika hatte die ganze Familie es sehr schwer, sich in ihrer neuen Heimat einzuleben.

Während Lore schließlich ihren Platz fand und später meinen Vater, einen gebürtigen US-Amerikaner, heiratete, gelang es ihrem Vater nie, sich an sein neues Leben zu gewöhnen. Er sehnte sich sein Leben lang nach seiner alten Heimat, der Gemeinschaft und dem Leben in Schluchtern. Er hatte im Ersten Weltkrieg im deutschen Heer gekämpft, war Vorsitzender der Synagoge und ein hochgeachtetes Mitglied der jüdischen Gemeinde gewesen. 1956 reiste er mit seinem jüngeren Bruder (der nach England geflohen war, dessen zwei Töchter jedoch in der Shoah umkamen) nach Schluchtern, um dort die Grabsteine ihrer Eltern und eines weiteren Bruders, der als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg umkam, neu aufzustellen. Diese drei Grabsteine gehören zu den wenigen, die in dem ansonsten dezimierten Friedhof wieder aufgestellt wurden.

Ich bin 2005 mit meinem jüngeren Bruder (der nach 1953 geboren wurde) und meinem Mann nach Schluchtern gereist. Wir setzten uns mit dem städtischen Kulturbeauftragten in Verbindung, der uns freundlicherweise eine private Führung durch das Rathaus, die Synagoge (die jetzt ein Kulturzentrum ist) und den teilweise wieder hergestellten jüdischen Friedhof gab. Es war ein ergreifendes Erlebnis, die Gedenktafeln zu sehen, auf denen die Namen unserer Urgroßeltern und anderer Familienmitglieder standen, von denen einige in der Shoah umkamen. Meinem Bruder kamen die Tränen, als er seinen Urgroßvater auf der Tafel fand, dessen Namen er trägt.

Es ist ironisch, dass mein Bruder und ich zwar gleicher Abstammung sind und gemeinsam die alte Heimat unserer mütterlichen Vorfahren besucht haben, aber von der deutschen Regierung unterschiedlich behandelt werden, einzig aufgrund unserer unterschiedlichen Geburtsjahre.

Norman (geb. 1944)

Meine Mutter wurder 1909 in Nürnberg geboren; ihre Eltern waren beide gebürtige Deutsche. Sie verließ Deutschland 1931 und reiste nach Palästina, um dort meinen Vater zu heiraten. Sie heirateten kurz nach ihrer Ankunft, da sie in Deutschland nicht heiraten durften, weil mein Vater kein Deutscher war. Die Eltern meiner Mutter kamen 1935 aus Deutschland nach Palästina, nachdem ihr Vater aufgrund von antisemitischer Verleumdung verhaftet worden war. Ein Mieter, der das Haus kaufen wollte, hatte ihn beschuldigt, Kommunist zu sein. Die Verhaftung wurde durch einen Artikel im Stürmer, der von Julius Streicher in Nürnberg herausgegebenen nationalsozialistischen Zeitung, angeregt. Nachdem seine Brüder (von denen einige als deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten) sich für ihn verwendet hatten, wurde er freigelassen und war gezwungen, sein Haus an den bewussten Mieter zu verkaufen. Sie ließen ihren Betrieb, ihr Privateigentum und das Familienhaus in Burgpreppach zurück. Von den zurückbleibenden Familienmitgliedern kamen mehrere in der Shoah um.

Die älteste Schwester meiner Mutter zog 1932 aus Deutschland nach Palästina und heiratete dort einen deutschen Juden. Sie hatten einen Sohn, der vor 1953 geboren wurde (und ein Anrecht auf die deutsche Staatsangehörigkeit hat, da er einen deutschen Vater hatte). Ihr jüngerer Bruder verließ Deutschland zwischen 1933 und 1935 (nachdem Hitler an die Macht kam), und viele seiner Nachkommen (Kinder, Enkel und Urenkel) haben erfolgreich ihre ererbte deutsche Staatsbürgerschaft wieder erlangt.