Und Wieder Bringt Berlin Uns Um Unsere Rechte

 
 
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Meine Großmutter war 13 Jahre alt, als sie 1933 mit ihrer Familie aus Berlin floh, um in einem anderen Land Schutz zu suchen und vor der Verfolgung durch die Nazis sicher zu sein.

Die Familie ließ sich in Frankreich nieder und erwarb die französische Staatsangehörigkeit im März 1938, da sie glaubten, die deutsche Staatsbürgerschaft sei ihnen entweder durch das Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit von 1933 oder durch die Nürnberger Gesetze von 1935 entzogen worden. Mein Vater wuchs mit dieser Überzeugung auf, aber als ich Dokumente zum Einreichen hervorsuchte, fand ich heraus, dass meine Großmutter die deutsche Staatsangehörigkeit erst am 19. Juli 1939 verlor, als die Namen aller Familienmitglieder in Ausgabe 164 des Deutschen Reichsanzeigers und Preußischen Staatsanzeigers erschienen. Die Aberkennung ihrer Staatsbürgerschaft, eine Folge des Gesetzes von 1933, ist auch in der Liste der Juden, denen die deutsche Staatsangehörigkeit durch das Nazi-Regime aberkannt wurde, aufgeführt.

Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich hatte immer geglaubt, dass die Aberkennung der Staatsbürgerschaft mit sofortiger Wirkung eintrat und nicht ein langsamer Vorgang ist, der Jahre dauern kann. Ich bin mir sicher, dass meine Großmutter nicht wusste, dass sie erst ab 1939 keine deutsche Staatsangehörige mehr war, Jahre nachdem die Gesetze zur Aberkennung der Staatsangehörigkeit verabschiedet worden waren.

Das Bundesverwaltungsamt hat meinen Antrag abgelehnt, weil meine Großmutter Bürgerin eines anderen Landes wurde, bevor ihr die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt wurde. Unter einem deutschen Staatsbürgerschaftsgesetz, welches bei Anträgen aus der EU und der Schweiz nicht mehr gilt, verfällt die deutsche Staatsbürgerschaft automatisch in dem Moment, wo ein Bürger freiwillig die Staatsangehörigkeit eines anderen Landes beantragt und erhält.

Ich verstehe zwar die formelle Bedeutung des Gesetzes, aber meiner Großmutter und ihrer Familie wurde die Staatsangehörigkeit unter dem Gesetz vom 14. Juli 1933 entzogen, einem Gesetz, welches dafür ganz speziell politische, rassische, oder religöse Gründe zugrunde legte. Verabschiedet wurde dieses Gesetz fünf Jahre bevor meine Großmutter die französische Staatsangehörigkeit erwarb. Es ist ebenfalls nicht zu leugnen, dass meine Großmutter und ihre Familie in Angst um ihr Leben aus Deutschland flohen. Die Nazis verfolgten und vertrieben sie. Meine Großmutter kam mit dem Leben davon, ihre Mutter jedoch nicht: sie wurde in 1943 in Auschwitz vergast. Viele der entfernteren Verwandten meiner Großmutter erlitten das gleiche Schicksal. Dass meine Großmutter jetzt nach einer Formalität beurteilt wird, ist ein schwerer Fall von historischem Revisionismus und Holocaustleugnung. Meine Familie ist nicht aus Vergnügen nach Frankreich ausgewandert, sondern um Schutz zu suchen und nicht staatenlos zu werden.

Das Bundesverwaltungsamt hat mir mitgeteilt, dass „keine Beweise zu finden“ waren, dass meine Großmutter „individuell ausgebürgert wurde“, und dass meiner „Großmutter väterlicherseits nicht aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen die Staatsangehörigkeit entzogen wurde“. Ich halte dies für grundlegend falsch, denn wenn meine Großmutter nicht aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen individuell ausgebürgert worden wäre, hätte ihr Name nicht im Reichsanzeiger gestanden: das war eine direkte Folge der Rassegesetze von 1933. Da der Name meiner Großmutter im Reichsanzeiger erscheint, ist es unleugbar, dass sie Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt war indem ihr die Staatsangehörigkeit aufgrund ihres jüdischen Glaubens entzogen wurde.

Meine Großmutter und ihre Familie haben Deutschland aus dem einzigen Grund verlassen, um in einem anderen Land Schutz zu suchen, da in ihrer Heimat Deutschland aktiv diskriminierende Gesetze verabschiedet wurden. Die Ablehnung meines Antrags unter dem Staatsangehörigkeitsgesetz leugnet nicht nur Deutschlands Beteiligung am Holocaust und die Verfolgung deutscher Juden, sondern widerspricht auch Artikel 3(2) GG, welcher lautet „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Die Heimat meiner Großmutter war Deutschland, und das einzige, was sie falsch gemacht hat war, als deutsche Jüdin geboren zu werden. Die Ablehnung meines Antrags leugnet diese Tatsache. Artikel 116 GG beinhaltet keine Klausel nach der diejenigen, denen die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen wurde, ihr Anrecht verlieren, wenn sie den Schutz eines anderen Landes in Anspruch genommen haben.

Dass der Name meiner Großmutter im Reichsanzeiger veröffentlicht wurde zeigt, dass sie ihre Staatsangehörigkeit in jedem Fall verloren hätte, ganz unabhängig von den Schritten, die sie unternahm um ihr Leben zu retten und sich zu schützen. Ich fühle mich um meine Rechte gebracht, nachdem das Bundesverwaltungsamt meinen Antrag aufgrund von ‚bad timing‘ abgelehnt hat. Die Verfolgung, der meine Großmutter unter dem Nazi-Regime ausgesetzt war, wird damit nicht vergeben. Diese betraf ja nicht nur die Aberkennnung ihrer Staatsangehörigkeit, sondern führte auch dazu, dass ihre Verwandten in Konzentrationslagern ermordet wurden. Was dies bedeutet ist, dass Deutschland jetzt versucht, der Tatsache zu widersprechen, dass die Namen meiner Familie im Reichsanzeiger veröffentlicht wurden, und zu behaupten, dass Familienmitglieder nicht „individuell ausgebürgert“ wurden, da sie bereits den Schutz eines anderen Landes gesucht und dort einen Pass beantragt hatten.

Dies ist eine erschreckende Beleidigung durch ein Land, das mit „Vergangenheitsbewältigung“‘ sogar ein Wort hat, das die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit beschreibt, und das so bedeutende Schritte unternommen hat, wie die Verabschiedung von Artikel 116 GG. Für mich persönlich ist es ein Schlag ins Gesicht. Meine Großmutter, der die Nazis ihre Rechte genommen hatten, bekam später eine deutsche Rente und eine staatliche Entschädigung, aber das moderne Deutschland hält sie und ihre Nachkommen weiterhin nicht für würdig, die Staatsangehörigkeit wiedererstattet zu bekommen.

Es ist mir nicht leicht gefallen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Ich hätte es nicht getan, solange meine Großmutter noch am Leben war, und es war keine plötzliche, in Panik nach dem Brexit getroffene Entscheidung. Ich hatte schon jahrelang darüber nachgedacht, mir aber dabei Zeit gelassen.

Ich bin in einem jüdischen Haushalt aufgewachsen, und meine Eltern haben sich nie gescheut, mir und meinen Geschwistern von den Gräueln des Holocaust und dessen Auswirkungen auf unsere Familie zu erzählen. Ich meine nicht nur, dass die deutsche Staatsbürgerschaft mein Geburtsrecht ist, sondern auch, und dies ist noch wichtiger, dass es Zeit ist, tief Atem zu holen und die Tür zur Vergangenheit zu schließen, da wir jetzt in einer Welt leben, in der neue Generationen die Zukunft aufbauen müssen.

Ich hatte das Gefühl, dass es ein endgültiger Sieg über die Nazis wäre, wenn ich die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben könnte, denn obwohl die Nazis versucht hatten, die Familie auszurotten, hat meine Großmutter überlebt und drei jüdische Kinder und elf jüdische Enkel großgezogen. Aber die Entscheidung der deutschen Behörden fühlt sich an wie das Gegenteil, als hätte Deutschland meinen Ölzweig zurückgewiesen, und stattdessen einer bürokratischen und unethischen Verleugnung das Tor geöffnet.